Erfahrungsberichte

ERFAHRUNGSBERICHT  SPANIEN

(am Beispiel von San Sebastián und Barcelona)

erstellt von James R.

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis:

Teil 1: Teil 2:

Teil 1:


Vorwort, Vorstellung , Vorgeplänkel:

Vor kurzem wurde ich angesprochen und gebeten, das Herbstspecial über Spanien, das Land, in dem ich seit mittlerweile fast 3 Jahren lebe, liebe und arbeite, zu schreiben. Da es für mich das reinste Vergnügen ist, euch von meinen Erfahrungen zu berichten, Tipps zu geben und vielleicht den einen oder anderen von euch zu animieren ins Ausland zu gehen, habe ich nicht lange überlegt und zugesagt, greife zu Laptop und Maus (früher: Stift und Papier..?), lasse einfach meinen Gedanken freien Lauf und werde sie und einige meiner Erlebnisse der letzten Jahre (einschließlich Vorbereitungszeit in Deutschland) auf diesen Seiten noch einmal Revue passieren lassen.
Gründe, warum ihr diesen Bericht lest, gibt es viele. Vielleicht wollt ihr gerne mal im Ausland, eventuell sogar in Spanien, leben oder euch interessiert einfach nur, was denn andere so darüber denken und was sie erlebt haben, oder aber ihr wollt einfach mal so überlegen, was denn wäre wenn....  Alles gute Gründe, sonst wärt ihr ja wahrscheinlich auch nicht auf der Internetseite www.rausvonzuhaus.de gelandet.
Mein Bericht soll euch animieren und nicht blockieren. Wenn ihr euch dazu entschieden habt eine Weile im Ausland zu leben, ist das eine tolle Sache, ohne Frage. Dieser Schritt sollte aber auch gut überlegt und vorbereitet sein. Risiken und Bedenken, Für und Wider sollten abgewogen werden. Fragt euch, warum ihr gehen möchtet und vergesst auch nicht, was ihr  alles in eurer Heimat zurück lassen werdet. Möglichkeiten, um z.B. nach Spanien zu gehen gibt es viele: über das Studium oder als Praktikant. Vielleicht werdet ihr ja auch von eurer Firma geschickt, wollt einfach nur die Sprache erlernen oder sogar komplett „Aussteigen“. 
Was auch immer, mit etwas Planung und Vorbereitung ist es ein Schritt, der für jeden von euch machbar ist und ihr vermeidet so vorhersehbare Probleme und Missverständnisse à la „…das hätte ich mal eher wissen sollen…“. Davon werdet ihr trotzdem noch zur Genüge erfahren, aber keine Angst, es macht Spaß etwas Neues zu probieren. 

Ich habe wirklich lange überlegt, in welcher Form ich den Bericht für euch schreibe. Schreibe ich ihn als eine Art Tagebuch, könnten Fakten verloren gehen, die für euch wichtig sind. Schreibe ich nur über Fakten, wird der Artikel langweilig und keiner liest ihn sich bis zum Ende durch und ihr könntet euch gleich besser einen Reiseführer zulegen, ausführlich im Internet informieren oder die offiziellen Blätter vom Auswärtigen Amt zukommen lassen. Das alles müsstet ihr aber sowieso tun, unabhängig von dem Bericht.
Ich werde euch also meine Erlebnisse anfangs chronologischen wiedergeben und später auf allgemeine, wichtige Fragen wie z.B. Wohnung, Job, kulturelle Unterschiede, Land und Leute und einige andere für mich erwähnenswerten Dinge eingehen.
Natürlich sind alle von mir geschilderten Erfahrungen persönlicher Natur. Sie werden sich also nicht immer mit denen anderer decken. Jeder sieht die Dinge halt aus einem anderen Blickwinkel und macht seine eigenen Erfahrungen, das ist auch gut so.
Mein bisheriger Spanienaufenthalt beschränkt sich, von Urlauben und Ausflügen innerhalb der Landes einmal abgesehen, auf die Städte San Sebastián und Barcelona. Deshalb kann ich auch nicht für ganz Spanien sprechen. Aber auch allgemeine, für ganz Spanien geltenden Regeln, Gepflogenheiten und Besonderheiten werde ich hier einfließen lassen. Stellt euch vor, ihr müsstet einen Erfahrungsbericht über ganz Deutschland schreiben..., schwierig, was??

So, nachdem ich schon erwähnte, dass mir das Schreiben großen Spaß macht, befürchte ich, die geforderte Seitenanzahl könnte nicht ganz reichen..., wir werden sehen.
Für alle die, denen es langweilig werden sollte und zur leichteren Orientierung, habe ich ein Inhaltsverzeichnis vorgeschaltet, so dass ihr problemlos vorspulen könnt und schnell fündig werdet.
Nun aber macht es euch bequem und lasst euch berichten.

Zunächst  einmal möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist James, ich bin ein ganz normaler junger Mann, der in einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen ist, die Schule als Kind nicht besonders mochte, Zahnspange trug und beim Zuspätkommen die tollsten Ausreden erfand.
Mittlerweile bin ich nicht mehr ganz so jung und habe einen tollen Beruf, nämlich den des Arbeits- und Beschäftigungstherapeuten, den ich mehrere Jahre lang in Deutschland ausgeübt habe. Das soll zu meiner Person reichen, ach ja, falls es jemand interessieren sollte, mein Sternzeichen ist der Widder. ;)
 

Bevor es aber so richtig losgeht, eines noch:

Ich bin nicht alleine nach Spanien gegangen. Den Entschluss traf ich zusammen mit meiner langjährigen Freundin Klara, die mittlerweile meine Frau ist. Wir haben zusammen in tage- und nächtelangen Diskussionen überlegt, philosophiert, gelacht und geweint, Risiken abgewogen, Vor- und Nachteile zusammengetragen und uns letzten Endes für den, für uns beide so wichtigen und niemals bereuten Schritt, nach Spanien zu gehen, entschlossen.
Ich möchte mich jetzt schon, gleich zu Beginn, bei ihr für all das, was sie zu unserem gemeinsamen Projekt, nach Spanien auszuwandern, beigetragen hat, bedanken.
Trotzdem werde ich den Bericht weitestgehend in der Ich-Form schreiben, da so viele Gedanken und Reflexionen persönlicher Natur sind. Ihr sollt aber wissen, dass wir alle wichtigen Entscheidungen zusammen getroffen und wahrscheinlich mehr als 90% der hier beschriebenen Erlebnisse zusammen erlebt haben.
Danke, Klara!


Ausgangssituation / Warum Spanien?

Da ich schon immer sehr gerne den Urlaub mochte (wer tut das nicht..), viel und gerne gereist bin, habe ich schnell den Wunsch entdeckt, dass es doch nett wäre, einmal für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen oder eine Weltreise zu machen. Eine Weltreise ist wirklich eine tolle Sache und ich beneide jeden, der sie gemacht hat. Aber das war es nicht was ich suchte.
Man hast keinen festen Wohnsitz, reist mal hier und mal da ein bisschen rum, bleibt solange man gerne möchte. Eine feine Sache, aber ich wollte etwas anderes:
Ausland ja, aber dann richtig und radikal, mit allem Drum und Dran: den Job und die Wohnung kündigen, Neubeginnen...
Um es kurz zu machen: ich wollte kein schnelles, zeitlich begrenztes Abenteuer, ich wollte dauerhaft im Ausland leben, zumindest aber für längere Zeit. Ich wollte nicht nur selbst bestimmen wann es wohin geht, sondern auch wie lange ich wo bleibe, ohne die Zeit im Nacken zu haben. Denn jede Reise ist mal zu Ende, dauert sie auch Jahre. An eine Reise geht man einfach mental anders heran.

Also entschied ich mich für einen „echten“ Auslandsaufenthalt, also mit festem Wohnsitz. Außerdem könnte ich so eine richtige Arbeitsstelle finden, vielleicht sogar in meinem Beruf, mit Arbeitskollegen, die in einer mir noch fremden Sprache kommunizieren, mich so richtig in die andere Kultur integrieren. Alles gute und spannende Gründe, oder?
Dazu kam, dass ich mich in Deutschland die letzten Jahre latent unwohl fühlte, ich musste einfach mal raus. Manchmal war ich richtig besessen von der Idee, dass es mir im Ausland besser gehen würde und alle Probleme das Meer wegspülen und die Sonne auflösen würde. 

Warum aber nun ausgerechnet Spanien und nicht Island oder Frankreich? Nun, Gründe dafür gab es für mich genug, hier nur eine kleine Auswahl derer:

- ich hatte die Faxen dicke von dem mittelprächtigen mitteleuropäischen Wetter, wollte also endlich eine „Schön-Wetter-Garantie“
- mit der spanischen Sprache, dem castellano, kommt man fast auf der ganzen Welt durch (später mehr dazu), außerdem sprach ich quasi kein Wort spanisch, das reizte mich
- meine Freundin Klara, war der französischen Sprache schon mächtig und wir wollten gerne zusammen etwas Neues beginnen, ohne dass einer bevorteilt wäre und sei es nur durch die Sprache
- da ich bisher noch nicht in Spanien und Lateinamerika war (abgesehen von Mallorca und den kanarischen Inseln), was mich aber schon immer reizte, dachte ich, warum nicht das Praktische mit dem Nützlichen verbinden und erst mal ordentlich die Sprache im Ursprungsland lernen, das Reisen kann dadurch nur leichter werden
- Spanien liegt geographisch günstiger als Lateinamerika (Mutti, Freunde, Billigflüge..)
- ich fand die Spanier mit ihrer Sprache und Kultur schon immer sehr interessant, mir mangelte es bisher nur an Motiven mich näher mit ihnen zu beschäftigen
- um es ganz auf den Punkt zu bringen: die Kombination aus Sonne, Strand und Palmen, gepaart mit einer attraktiven Stadt am Meer, dort zu leben und zu arbeiten, eine neue Sprache zu erlernen..., machte mir die Entscheidung relativ leicht :-)


Vorbereitungen in Deutschland:

Gesagt getan. Da mein Vokabular (wie schon angedeutet) nicht über „buenos días“, „gracias“ und „vamos a la playa“ hinausging, meldete ich mich kurzerhand für einen Sprachkurs an der Volkshochschule an. Bis es dann richtig ernst werden würde, sollte ich ganze 3 Semester Spanischunterricht über mich ergehen lassen müssen, was mir natürlich nicht schwer fiel, denn: Spanisch lernen macht Spaß und ist auch nicht wirklich sooo schwer.

Außerdem hatte ich einen wirklich supercoolen Lehrer, Hector aus Guatemala, der mich dann wirklich vollends davon überzeugte, dass mich mein Weg in ein spanisch sprechendes Land führen muss. Mit einem Lehrer nicht genug, hatte ich mich in einen kleinen, privaten, wöchentlich stattfindenden Kurs eingeschrieben, der von einer Chilenin, Isabel, geleitet wurde. Sie wurde dann später auch meine Privatlehrerin, von denen ich am Ende aber gleich drei hatte: Isabel, Antje, die ein Jahr lang auf Cuba lebte und nicht zuletzt Annett (ein Jahr in Pamplona lebend), die mir mit viel Mühe, Kaffee und Geduld, die zahlreichen spanischen Vergangenheitsformen einzutrichtern versuchte. Oh Gott, ich war bestimmt kein besonders guter Schüler... sorry Annett. ;)

Mein nächster Schritt war, die vom Arbeitsamt alle 2 Wochen herausgegebene Zeitung „Markt und Chance“ zu abonnieren. Sowohl die Zeitung als auch das Abonnement, welches für ein halbes Jahr galt, waren kostenfrei. Leider wurde dieser Service vom Arbeitsamt abgeschafft.
Da ich mich gleich zu Anfang an von der Idee, ohne die Sprache einigermaßen gut zu sprechen einen ordentlichen Arbeitsplatz zu finden, verabschiedete (was ich auch Euch sehr ans Herz legen möchte!!), dachte ich mir, ein guter Start in Spanien wäre, über ein Praktikum einzusteigen. Mal sehn, was sich danach alles so ergeben würde.

Also entdeckte ich in oben genannter Zeitung zahlreiche Angebote für ein Praktikum in Spanien, bezahlt und unbezahlt. Natürlich reizte mich eher die bezahlte Variante, aber auch die unbezahlte hatte gewisse Vorzüge. Ich bewarb mich kurzerhand für beide.
Schon bald hatte ich die Zusage für einen unbezahlten Praktikumplatz in dem von mir gewünschten Bereich, dem Gesundheitswesen. Fast zeitgleich kam dann auch noch die Einladung zum Vorbereitungsseminar für ein bezahltes Praktikum über „Arbeit und Leben e.V.“, mit einem Leonardo da Vinci Stipendium. Natürlich sagte ich zu und schon kurze Zeit später saß ich im Vorbereitungsseminar für ein Praktikum in Spanien mit 20 anderen Artgenossen. Ich bekam das Stipendium für einen sechsmonatigen Aufenthalt in San Sebastián. Die Stadt habe ich mir damals selbst aussuchen dürfen, später mehr dazu. Das Stipendium umfasste eine monatliche Zahlung, sowie die anfallenden Reisekosten.
Daraufhin kündigte ich die unbezahlte Praktikumvariante.

Nun hieß es schnell handeln, denn viel Zeit bis zum Neustart in Spanien verblieb nicht mehr.
Von einer Kollegin hatte ich die Telefonnummer einer Freundin, die schon ein Jahr in Spanien gelebt hat, bekommen. Ich rief sie gleich nervös an und fragte sie Löcher in den Bauch. Aber sie beruhigte mich, gab mir einige wertvolle Tipps und meinte es wird schon alles gut gehen und ich solle doch mal den Schlips lockern.
Der Rest ging eigentlich ganz schnell von der Bühne: Job kündigen, beim Arbeitsamt abmelden, Wohnung kündigen, noch mal schnell prophylaktisch zum Zahnarzt (der meinte übrigens, wenn ich mal keine Zahnseide zur Hand hätte, könne ich ruhig auch mal zu einem Zwirnsfaden greifen...  Ich wiederholte dann, dass ich ja nach Spanien ginge und nicht auf Missionarstour in den Busch...da mussten wir beide sehr lachen!!).

 

 

 

 

 

 


             Die Wohnung ist geräumt, die Koffer sind gepackt.                   Im Flugzeug nach Spanien...
             Jetzt kann es losgehen.                                                             Noch mal schnell Reiseführer wälzen...

Den ganzen Hausrat stellte ich bei Freunden auf einer Dachbodenkammer unter, man weiß ja nie... So ganz mit Sack und Pack umziehen wollte ich dann doch erst, wenn ich einen richtigen Job hätte.. (der ganze Krempel liegt übrigens immer noch auf dem Boden und ich weiß wirklich noch nicht, wann und wie ich die beiden Hausrate jemals vereinigen soll...)
Mein Konto hatte ich mir vorher bei der Deutschen Bank eingerichtet weil ich wusste, dass es somit keinerlei Probleme in Spanien geben wird, was auch stimmt. Dann musste ich mich nur noch bei der Krankenversicherung abmelden und um eine Auslandskrankenversicherung kümmern. Ich entschied mich nach Empfehlung für die DKV, die mir rückblickend nie Probleme gemacht hatte.
Tja, das war´s dann eigentlich schon.
Der Flug war schnell gebucht und ab ging´s nach San Sebastián, meiner ersten Station hier in Spanien, natürlich nicht ohne zuvor noch eine zünftige Abschiedsparty mit allen Freunden gefeiert zu haben.

 

 

 

 

 

 

Fahrt zum Flughafen bei Schnee und Eis. Danke Tobi !!           Strand von San Sebastián. Erstes Foto aus 
Letztes Bild aus Deutschland.                                                    Spanien. :-)

San Sebastián:  

Das WG Zimmer hatte ich schon vorher von Deutschland aus über die Sprachschule gebucht. Das war kein Problem und übrigens auch eine der Voraussetzungen, die man erfüllen musste, um das Leonardo da Vinci Stipendium genießen zu dürfen. Eine weitere Voraussetzung war, über ein gutes Sprachniveau zu verfügen, was ja glücklicherweise der Fall war (noch mal ein großes Dankeschön an Hector, Isabel, Anja und Annett) !!! 
Die Sprachschule „Tandem“, die ich wählte, würde ich als sehr gut, freundlich und professionell arbeitend einschätzen. Die Lehrer waren ausgebildete Spanischlehrer, die Stunden wurden in Grammatik, Sprechen-Lesen-Hören-Schreiben unterteilt und es gab natürlich sehr viele Gelegenheiten zum Lachen. Es gibt aber auch verdammt viele spanische Wörter die sich so ähnlich sind, dass sie direkt zum Verwechseln einladen, z.B.
jamón (Schinken), jarrón (Vase) und jabón (Seife). Oder habt Ihr Euch schon einmal mit einem Schinken die Hände gewaschen???

Ich bewohnte also mit Klara ein Zimmer in einer fünfköpfigen WG.
Die Vermieterin, Guruze, eine ca. 50jährige knurrige, kernige, aber super um uns besorgte  Baskin (San Sabastián liegt im Baskenland) wohnte mit uns zusammen. Klar, es war ja auch ihre Wohnung. Sie besaß mehrere Hunde, deren Anzahl fast täglich von 2 bis 4 schwankte, so wie Guruze manchmal auch.
Unsere Wäsche wusch sie wie selbstverständlich mit der ihrigen zusammen in derselben Maschine. Uns war das nicht so angenehm, wir wurden aber auch nicht um unsere Meinung gebeten.
In derselben Wohnung lebte noch eine ca. 30 jährige Spanierin, die ich immer nur im Bademantel und mit Joint im Mundwinkel am Computer spielend antraf (egal zu welcher Tageszeit). Ich weiß bis heute noch nicht wie sie heißt.
Und dann gab es da noch unseren kräftig gebauten, liebenswerten, aber etwas auf Bush, Krieg und gewinnbringende Ökonomie beschränkten Freund Bruce aus Los Angeles, der von Goethe, Marx und Albert Einstein noch nie etwas gehört hat. Weiterhin gehörte dem ganzen Chaos noch Steven, ein ca.2m großer Südafrikaner an.
Wir hatten eine supertolle Zeit, haben viel gelacht und gefeiert, zusammen gebüffelt, nachts nach der Party den Kühlschrank geplündert und in mordspeinlichem Spanisch miteinander kommuniziert.

 

 

 

 

 

 

 

„La Concha“ von San Sebastián in der Abenddämmerung.



Blick aus unserem Zimmer, Mittwoch 2.00h.
Vorher einschlafen? Vergiss es!

Meiner Spanischklasse gehörten noch weitere sieben Mitschüler an, die Mehrzahl kam aus Deutschland und war weiblicher Natur.
Gleich am ersten Wochenende schmiss ein San Sebastiáner, der mit einer Sprachschulkollegin liiert war, eine große Party in einer sogenannten sociedad. Das ist ein für das Baskenland so typischer Männerverein, deren Mitglieder irgendein gemeinsames Hobby (oder was auch immer) verbindet.

 

 

 

 

 

 

An den Herd dürfen nur Männer....   

 

                                                                                                                       Im Baskenland geht’s zünftig zu:
                                                                                                                       Mikel beim sidre (Apfelwein) zapfen.

Man trifft sich z.B. in gemütlichen Kellerbars mit langen rustikalen Holztischen und einer integrierten großen Küche, wo eigentlich nur Männer zugegen sein dürfen. Iker, der baskische lover meiner Klassenkameradin, zeigte sich aber beherzt und erwirkte bei seinen Freunden eine Ausnahme für unsere kleine Sprachklasse. Hübsche Frauen sind halt überall gern gesehen, auch in Spanien. Es gab leckere baskische Küche von Männerhand bereitet (keine Frau durfte an den Herd), hauchdünnes blutiges Rindfleisch, kurz angebraten und mit grobem Meersalz gewürzt, tapas in allen Variationen und jede Menge sidre (Apfelwein), cerveza, vino, café...  Ich durfte übrigens bei der Kaffeezubereitung mitwirken, ein Kult bei den Spaniern. Es gibt wahrscheinlich 50 Varianten um einen Kaffee zu bereiten: mit Milch, ohne Milch, mit Zucker, ohne Zucker, halbe Stärke, volle Kanne, ganz wenig Milch, sehr viel Milch, kalte oder warme Milch, Michzucker, pur, mit Schnaps, ohne Schnaps, mit Eis u.s.w.
Jeder Kaffee hat natürlich auch noch seinen eigenen Namen, ganz klar.

 

 

 

 

 

 

Café con leche (normal), mit 2 Stück Zucker                              HILFEEEEEEEE !!!!!!!!!!
und dekorativem Schaumherzchen                                            Andere Länder, andere Sitten... Blick in den  Kühlschrank

Naja, jedenfalls danach, so gegen 2.00h, ging dann die Party richtig ab: Auf geht’s in die Disco, oder besser: in die Discos! Was für ein Wochenendeinstieg in die spanische Lebensart.  Wenn der Spanier ausgeht, dann richtig und ausgiebig!!

Kurz darauf suchte ich mir einen Intercambio-Sprachpartner, was auch von der Sprachschule angeboten wurde. Das war eine feine Sache, endlich mal alle Zweifel an der spanischen Grammatik ablegen, ohne Angst vorm Rohrstock haben zu müssen.  ;) 
Sechs Wochen später fing dann mein lang ersehntes Praktikum in einer Werkstatt für Behinderte an. Das Leonardo Programm beinhaltete auch einen Praktikumsverantwortlichen vor Ort.
Er war es auch, der mir bei der Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz im spanischen Gesundheitswesen half. Es war eine sehr schöne und lehrreiche Zeit in der Werkstatt und noch heute, wo ich schon lange in einer anderen Stadt wohne, besteht noch Kontakt zu Patienten und Personal über Telefon und Internet. Besonders gerne erinnere ich mich an eine sehr nette Party mit meinem Chef und seiner Frau in deren Haus, zu der auch Klara eingeladen war... , aber das ist eine andere Geschichte...

Mittlerweile wechselten wir auch die WG, da sie uns trotz allem Spaß auf Dauer sehr teuer kam und schweinelaut war (siehe Foto von Altstadt, vom Balkon aus aufgenommen).
Danach lebten wir für einige Wochen in einem WG Zimmer ohne Fenster, kaum größer als ein Kleiderschrank, aber mit stolzem Mietpreis (250€ / Monat).

Wir wohnten danach (diesmal sehr viel komfortabler) mit Alberto, einem Italiener und Ramón, einem Mexikaner, zusammen. Diesmal ohne die Eigentümerin im Haus zu haben. Dafür verging kaum ein Monat, an dem Alberto nicht eine neue Bekannte anschleppte (wir bewohnten das Nachbarzimmer...). Aber ein guter Koch war er, das muss ich zugeben.
Ramón war eigentlich nie (außer zum schlafen) anwesend.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kochen kann er, der Italiener.                                               Sonnenuntergang zelebrieren mit Freunden (und Bierchen)
Danke, Alberto, für die köstliche Meerestierpfanne
und  die leckere Spaghetti.

Die Monate vergingen und bald schon merkten wir, dass es uns in San Sebastián auf Dauer zu eng werden würde.
Außerdem wollten wir nach Ablauf des Stipendiums nach Möglichkeit gleich in einen Job wechseln, was in einer relativ kleinen spanischen Stadt schwierig sein würde. Weiterhin hatte Klara schon große Probleme auch nur einen Praktikumplatz in San Sebastian zu finden, so dass die Wahl letzten Endes nicht schwer fiel.
Eigentlich komisch, wählten wir doch einst eine relativ kleine Stadt aus, um ein bisschen gemütliche Atmosphäre und Vertrautheit um uns zu haben.
Doch wir dachten uns, dass wir längerfristig in einer Stadt wie Barcelona glücklicher wären. Wir waren vorher erst einmal in Barcelona und haben uns beide augenblicklich in die Stadt verliebt, was nicht wirklich schwer fällt. Wer schon einmal hier war, wird das sicher bestätigen.
Außerdem liegt sie ja auch am Meer, noch dazu am Mittelmeer. Kurzerhand entschieden wir uns dann noch während unseres Stipendiums für einen Wechsel, der auch schnell genehmigt wurde.


Barcelona:

 

 

 

 

 

 

Mit der Gondel auf den Montjuic gondeln...                             Abends an einem der 6 Strände Barcelonas.

Wir mieteten uns also ein größeres Auto, verstauten unser ganzes Hab und Gut , incl. 2 Fahrräder und brausten los in Richtung Mittelmeer, wo uns nun das große Glück erwarten sollte. Die Wohnung, bzw. das WG Zimmer hatten wir vorher über das Internet klarmachen können (Adressen folgen am Ende).
Frisch in Barcelona angekommen, mussten wir auch gleich den ersten Kulturschock verarbeiten, als ich, im Auto sitzend und an einer Kreuzung stehend, von einem netten Nordafrikaner darauf hingewiesen wurde, dass mit meinem Vorderrad etwas nicht stimme. Ich solle doch die Tür aufmachen und mir das Schlammassel mal ansehen. Just in dem Moment, in dem ich also die Fahrertür öffnete um nach dem rechten zu sehen, öffnete ein anderer junger Mann unsere Hecktür und nestelte an unserem Rucksack, der auf der Rücksitzbank befand. In ihm befanden sich alle wichtigen Papiere, eine Menge Kohle und das schlimmste: Klaras geliebter, seit ihrem zweijährigen Geburtstag nicht von ihrer Seite weichenden Plüschhund (der auf den Namen „Hündchen“ hört).
Ich war so baff, dass ich dem Verbrecher mit einem so vernichtenden Blick durchbohrte, der ihm wahrscheinlich dermaßen Angst einflößte, dass er den Rucksack mit sämtlichem Inhalt auf die Rücksitzbank fallen ließ und das Weite suchte. Uff, was für ein Schreck...
Der Typ hätte auch wenigstens mal die Tür schließen können, bevor er sich ohne Verabschiedung aus dem Staub machte...

Klara nahm dann gleich zwei Tage später bei „SOS Racisme“ ihr Praktikum wieder auf und ich hatte glücklicherweise von meinem alten Chef aus San Sebastián eine Adresse von einer guten Freundin von ihm bekommen und wandte mich hoffnungsvoll mit der Bitte an sie, mir bei der Suche nach einem neuen Praktikumsplatz zu helfen. Ganze 3 Tage später war ich in einem Arbeitszentrum für junge Menschen mit Zerebralparese als Praktikant beschäftigt und konnte so die verbleibende Zeit meines Stipendiums genießen.
Die WG, in die wir uns einquartiert hatten, erwies sich als Volltreffer. Gleich am ersten Abend nämlich, nachdem wir uns von o.g. Schock erholt hatten, schmiss unsere neue Mitbewohnerin Carol aus Irland eine Party, zu der ein ausgewählter Freundeskreis eingeladen war. Darunter auch Albert und Bernat, zwei nette junge Katalanen. Carol und ihre eingeladenen Erasmus Freunde, mit denen wir später noch viele lustige und lange Nächte zusammen verbrachten, sind mittlerweile wieder zurück in ihre Heimat (Griechenland, Italien, Frankreich...) gekehrt. Zu den beiden Jungs aus Barcelona haben wir immer noch einen sehr guten und freundschaftlichen Kontakt.

Nun, das Stipendium lief aus und es stellte sich uns die Frage: Und was kommt jetzt?
Da wir beide gerne in Spanien bleiben wollten und eigentlich gerade erst mal warmgelaufen waren, war für uns die Antwort klar: hier bleiben, bezahlten Job suchen, eigene Wohnung finden, neue Heimat aufbauen mit allem was sonst noch dazugehört: Freundeskreis aufbauen, das Café und das Kino um die Ecke finden, die Stammbar ausfindig machen, einen Zeitungskioskhändler seines Vertrauens auswählen, den Lieblingsplatz und –park entdecken, ein Konto eröffnen...u.s.w.
Nachdem wir die WGs noch ein paar mal wechselten und mit jungen Menschen fast aller Nationen (von Finnland, Mexiko, Indien, England über Russland und Algerien) zusammenlebten, entschieden wir uns letzten Endes für die eigenen vier Wände.
Die Gründe, warum wir die WGs so oft (na ja, so oft war es nun auch wieder nicht..) wechselten, waren mehrere: Entweder waren die Zimmer zu klein, zu dunkel, zu teuer, sie stellten sich dann doch als viel zu laut als anfangs beschrieben heraus, das Mietverhältnis wurde vom Vermieter gekündigt oder der Mitbewohner im Nachbarzimmer schnarchte so dermaßen laut, dass man jede Nacht um 3.00h putzmunter auf der Matratze stand und sich fragte, was man wohl noch die nächsten Stunden, die bis zum Aufstehen verbleiben, anstellen könnte. Aber ich will nicht klagen, so ist das nun einmal, wenn man mit anderen Menschen zusammen wohnt. Das macht ja gerade den besonderen Reiz aus.
Wir hatten eigentlich immer eine gute Zeit zusammen, von kleinen Reibereien (Küche und Co.) einmal abgesehen, aber das ist normal.

 

 

 

 

 

 

L´auberge espagnole : England, Indien, Mexiko, Deutschland..  ..Mallorca, Frankreich, Italien, Griechenland, Katalonien

Wie auch immer, wir meinten jedenfalls, dass es für uns an der Zeit wäre, sich etwas eigenes zu suchen, was wir dann auch taten. Zum Mietspiegel in Barcelona nehme ich später noch Stellung, auf jeden Fall war das Finden der neuen, eigenen Wohnung ein Kapitel für sich.
Ich kann nur soviel sagen: Es war ein verdammt langer Weg. Wir mussten Wohnungen besichtigen, in denen sich nicht einmal mein armes Fahrrad wohlgefühlt hätte, zu Preisen, die einem Mark und Bein erschaudern lassen.
Zu guter Letzt landeten wir bei einer Agentur, zahlten 300€ und konnten nun täglich per Telefon die neuesten Wohnungsnews abfragen.
Hier gibt es einen Haufen Betrüger und jeder lachte sich schlapp, als ich ihm von unserer seriös erscheinenden Agentur berichtete.
Am Ende klappte es schließlich doch, wir bezogen eine kleine, dunkellila gestrichene Wohnung (oder sollte ich lieber Zimmer sagen) mit amerikanischer Küche, kleinem Balkon für die Wäsche und einem kleinen Bad. Die Fahrräder stellten wir auf der Dachterrasse ab und noch nicht ein einziges Mal haben wir sie heruntergeholt. Der Treppenaufgang ist viel zu schmal dafür und biken macht in Barcelona nur begrenzt Spaß, aber später mehr dazu.
Nachdem wir nun unsere Wohnung erst mal mit Erlaubnis des Vermieters weiß gestrichen und unser neues Umfeld (Raval, ein relativ preiswertes, zentral gelegenes, von Ausländern wie Pakistanis, Indern und Nordafrikanern besetztes, angesagtes Ausgehviertel Barcelonas) erkundet hatten, nahm das normale Alltagsleben eigentlich seinen Lauf.

 

 

 

 

 

 

Typische Bar im Wohn- und Ausgehviertel Raval.  

 

                                                                                                                      ...auch in Katalonien gibt es Flamenco

Klara fand bald eine Festanstellung als Eventmanagerin und ich druckte meinen Lebenslauf ca. 20 mal aus und ging mit ihm durch ganz Barcelona hausieren, von einer Klinik in die andere.

Mein Wunsch war es, direkt als Ergotherapeut in einer modernen Klinik angestellt zu werden, gut bezahlt und als Deutscher gern gesehen. Leider stellte sich das als nicht so einfach heraus: Es war wie verhext, die Kliniken, in denen ich mich bewarb, warteten nicht auf mich, wovon ich immer noch ausging. Guter Schulabschluss, ein ordentlicher Beruf, deutsche Ausbildung, deutsch-, spanisch- und  englischsprechend, mehrere Jahre Berufserfahrung, gute Praktika..., all das reichte immer noch nicht für einen Job in meinem Bereich. Warum?
Der Spanier vertraut wohl lieber seinen eigenen Leuten und will kein Risiko eingehen.
Außerdem konnte ich kein gutes katalanisches Sprachniveau nachweisen, habe keine klinikintern angebotene Weiterbildung besucht (keine credits gesammelt).
Der Kurs müsste von mir finanziert werden und jede Klinik bietet auch noch ihre eigenen an. In Barcelona würden sie immer auf Katalanisch gehalten werden, der zweiten offiziellen Sprache in Katalonien.
Würde ich mich also für einen o.g. Arbeitsplatz bewerben wollen, müsste ich mich in eine Warteliste einschreiben und bekäme Punkte für katalanische Sprachkenntnisse (mind. Niveau B), intern durchgeführte Weiterbildungen, den anerkannten Berufsabschluss (Ergotherapie ist in Spanien Universitätsstudium) und für vieles mehr. Die Wartelisten waren dementsprechend lang und die Chancen für mich dementsprechend gering.  :-(

Ich hatte aber einfach keine Lust, mir als Kellner oder Hilfsarbeiter im Hafen meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Ich wollte in meinem Bereich arbeiten.
Also entschied ich, dass die Zeit für Plan B gekommen wäre. Ich müsste das Pferd von hinten säumen.
Ich fragte an, ob es möglich wäre, wenigstens ein Praktikum in den von mir gewünschten Zentren zu absolvieren. Tatsächlich gelang es mir nach viel Mühe, Überzeugungsarbeit, Lächeln, guten Referenzen (und dank meiner frisch gebügelten Stoffhose) in einem halben Jahr in so ziemlich allen guten Kliniken Barcelonas ein Volontariat zu absolvieren. Zum Glück bereitete ich mich in Deutschland auf diese Variante seelisch und moralische vor, so dass ich die Zeit mit meinem gesparten Geld gut überbrücken konnte.

Nachdem sich dann mein Spanisch weiter gefestigt hatte, ich mich in einer Sprachschule einschrieb und es immerhin auf Niveau „Fortgeschrittener“ brachte, mir eine neue Intercambio Sprachpartnerin suchte (mit der ich mich noch immer wöchentlich treffe), startete ich einen neuen Versuch die Welt zu erobern:
Ich druckte weitere ca. 50 Lebensläufe aus und klingelte, diesmal etwas realistischer, nicht in hochspezialisierten Kliniken, sondern eher in Werkstätten für Behinderte, Arbeitstherapiezentren, Tagesbetreuungen, Schulen für Lernbehinderten u.s.w., an. Einen Arbeitsplatz in einer Klinik zu finden, hatte ich mir schon abgeschminkt. Trotzdem kämpfte ich dennoch um eine Anstellung in eben genannten Bereichen, wo die Auswahlkriterien nicht ganz so hart zu sein schienen.
Eines schönen Tages im Frühjahr griff ich also zum Handy (nachdem sich keine einzige Einrichtung bei mir rückmeldete, alle aber begeistert von mir und meinen Bewerbungsunterlagen waren) und fragte nach, ob sich denn schon was getan habe. Ich wurde darauf hin tatsächlich in einem Therapiezentrum für junge Männer mit psychischer Behinderung auf ein Vorstellungsgespräch eingeladen. Kurz und gut, ich bekam den Job.
In diesem Zentrum bin ich übrigens immer noch tätig.
Der Spanier gibt sich in Fragen von Arbeitsgesuchen und Co. sehr unkompliziert. Du gibst einfach deinen Lebenslauf bei der Sekretärin ab, nachdem du dich in die Chefetage durchgefragt hast. Freundlich teilt sie dir mit, dass sie sich sehr über deine Bewerbung und Bemühung freue, sie deine Daten schnellstmöglich an die zuständige Person weiterleiten würde und man dich gegebenenfalls anrufen wird. Das macht dann natürlich erst mal keiner. Also wartest du ca. zwei bis drei Wochen ab, greifst selber zum Hörer und fragst nach, was denn aus dem Lebenslauf geworden sei. Nicht selten sagt man dir dann, dass man sich für dich interessiere, du ruhig mal vorbei kommen solltest und mal unverbindlich (nach Terminabsprache) mit dem Chef sprechen könntest.
Nicht selten endet dieses Gespräch sogar in einem Arbeitsverhältnis, muss aber nicht. In meinem Falle war es so und ich habe von einigen Leuten ähnliche Geschichten gehört.
Ja, so „einfach“ war das.

Teil 2:

Arbeit / Job:

Warum sich nicht einfach beim Arbeitsamt einen Job suchen?
So einfach und effektiv ist das hier nicht, besser du versuchst es über eine der hier zahlreich vertretenen Jobvermittlungsstellen wie z.B. Randstad oder Manpower. Oder noch einfacher über das Internet: www.infojobs.net. Hier musst du einfach alle jobrelevanten Daten eingeben und kreuzt an, was für eine Arbeit dich interessiert. Natürlich solltest du auch die geforderten Voraussetzungen erfüllen. Nun bekommst du täglich Jobangebote (wenn vorhanden) über infojobs per Internet zugesandt. Die Initiative musst du dann selber ergreifen: Gefällt dir ein Angebot, leitest du einfach per Mausklick deinen Lebenslauf mit allen wichtigen Daten an die entsprechende Firma weiter und dann heißt es nur noch: Hoffen und Warten. Man wird sich mit dir telefonisch in Verbindung setzen. Du siehst hier auch gleich die Anzahl der sich schon zuvor auf die von dir gewünschte Stelle beworbenen Mitkandidaten, die nicht selten die Zahl 300 übersteigt!
Zu den anderen beiden oben erwähnten Agenturen gehst du persönlich vorbei und gibst erst mal deinen Lebenslauf in einen dort bereitstehenden PC ein. Danach bittet man dich zum persönlichen Gespräch, wo noch mal dein Lebenslauf, deine Qualifikationen, Sprachkenntnisse usw. überprüft werden. Hier lässt sich gut ein Sommerjob, z.B. als Kellner, oder Ständeaufbauer auf dem Obst- und Gemüsemarkt finden. Ich kenne auch einige Leute, die über diesen Weg an eine richtig gute Stelle gekommen sind. Aber bitte keine falschen Vorstellungen: Sie sprachen bereits ein sehr gutes Spanisch / Englisch und waren für die jeweilige Stelle hoch qualifiziert (Tourismus- oder Computerbranche...).  
Du wirst dann nicht von der dich anstellenden Firma, sondern von der jeweiligen Jobvermittlungsagentur bezahlt.
Oftmals verfügen diese Agenturen über mehrere Abteilungen, z.B.: Abteilung für die Gesundheitsbranche, für Sprachen, für Handwerk u.s.w.
Ich habe mein Glück dort auch versucht, leider erfolglos. Ein deutscher Freund von mir, der Tischler ist, hat hier sofort einen Job in seiner Branche gefunden. Handwerk hat wahrscheinlich doch goldenen Boden...

 

 

 

 

 

 

Auf einer fiesta mit einigen Arbeitskollegen.      

 


                                                                                                                       Mein Kollege Toni zeigt stolz seine Flagge.

Wohnung:

Da der Spanier meist sein ganzes Leben in der Stadt bleibt in der er geboren ist, liegt es nahe, dass er die Wohnung kauft und nicht mietet. Leute, die hier eine Wohnung mieten, werfen (ihrer Meinung nach) das Geld direkt aus dem Fenster. Aus ihrer Sicht betrachtet, klingt das logisch.
Man wohnt solange bei Mutti (oft bis über den 30.Geburtstag hinaus), bis das Geld für die erste Eigentumswohnung ansatzweise zusammengespart ist, zumindest aber die Anzahlung dafür.
Die Preise für eine Wohnung in Madrid, Barcelona und San Sebastian liegen etwa gleich hoch. Sicher ist der Kaufpreis in einer spanischen Kleinstadt (wie z.B. Monforte de Lemos in Galizien) bei weitem nicht mit eben erwähnten 3 Städten vergleichbar, die sich übrigens in Punkto Lebenserhaltungskosten in nichts nachstehen und jährlich um den Titel „teuerste Stadt Spaniens“ kämpfen. Ohne Frage gehören sie auch zu den attraktivsten Städten in Spanien.
Die Preise lassen sich nicht mit den aus Deutschland gewohnten vergleichen, obwohl der Spanier über ein vergleichbar niedriges Einkommen verfügt! Er kauft sich also seine Wohnung und benötigt nicht selten sein ganzes Leben um den Kredit zu tilgen.
Erst im Februar kauften sich Freunde von uns aus Barcelona eine Eigentumswohnung an der Costa Daurada, 50 km südlich von Barcelona, in einem kleinen Dörfchen, direkt am Meer gelegen. Das mag romantisch klingen, die Freude wird aber etwas getrübt, erfährt man den Kaufpreis, der mit fast einer halben Million Euro zu Buche schlägt. Der Grund für die Stadtflucht ist einfach und plausibel: Wucherpreise in vielen spanischen Städten. Unerschwinglich für junge Leute und viele Familien, die sich eine Existenz aufbauen möchten. Die Preise steigen von Jahr zu Jahr und dennoch scheint es keine Absatzprobleme zu geben. In jeder Strasse findet man mindestens einen Immobilienladen. 

Anderes Beispiel: Eine Kollegin von mir, Merixell, hat sich eine Wohnung im Norden Kataloniens gekauft, ca.150 km nördlich von Barcelona. Auf die Frage, warum sie denn gerne die Stadt verlassen möchte, um freiwillig Großstadtleben gegen Dorfidylle einzutauschen, antwortete sie mir nur trocken: „…Nie im Leben möchte ich da oben wohnen, aber was soll ich machen, ich bin Single, verfüge über kein großes Einkommen und wenn ich jetzt nicht bald anfange zu kaufen, steigen die Preise immer mehr und irgendwann ist es nicht mehr tragbar. Ich habe mir die Bude nur gekauft, um sie in ca.5 Jahren wieder mit Gewinn zu verkaufen. Dann habe ich vielleicht so viel Geld zusammen, um mir hier davon die erste kleine Wohnung zu finanzieren. Solange bleibe ich bei meinen Eltern wohnen...“
Das mag nicht gerade animieren, in Spanien sein Glück zu versuchen, aber man darf nicht vergessen, dass der Spanier anders als der Deutsche denkt. Hier wird noch in Großfamilie gelebt, Häuser und Wohnungen werden vererbt und normalerweise wird, wie schon gesagt, die Geburtsstadt nicht verlassen. Studiert wird, was die Uni an Studiengängen anbietet und fertig.
Aber das soll euch erst mal nicht weiter interessieren, wollt ihr doch erst einmal schnell, einfach und preiswert an eine kleine Mietwohnung kommen:
Problem-Problem!
Aus o.g. Gründen ist die Anzahl an Mietwohnungen stark begrenzt (und an noch freien sowieso).
Aber keine Panik, zum Glück gibt es ja noch das Internet.
Empfehlenswerte Seiten, über die auch wir an unsere WGs kamen, sind z.B.:                        www.habitatgejove.com
www.loquo.com
www.buscopiso.com  oder
www.compartirpiso.com .
Hier werdet ihr schnell fündig, solltet allerdings die Zahl der Mitbewerber nicht unterschätzen!!
Vielleicht habt ihr ja den Film „L´auberge espagnole“ gesehen, der in Barcelona spielt. Es werden tatsächlich Vorstellungsgespräche mit den potentiellen Nachmietern geführt. Bist du ihnen nicht sympathisch, bist du draußen. Nach dem Vorstellungsgespräch heißt es dann wieder einmal: Hoffen und Warten und in der Zwischenzeit die nächste Wohnungsbesichtigung klarmachen.
Dann gibt es noch das schwarze Brett an den Universitäten. Die gängigen Tageszeitungen verfügen auch über die Anzeigensparte „Wohnungen“, wobei sich 85% dem Verkauf und nur 15% dem Vermieten widmen, aber immerhin. 
Für ein ca.10m² großes WG Zimmer, ohne Telefon- und Internetnutzung (dafür gibt’s Handy und Internetcafe) musst du ab 300 € rechnen.
Viel größer sind die Zimmer hier nicht, sie werden meist ausschließlich zum Schlafen genutzt. Getroffen wird sich eh auf der Straße. Oft sind sie auch dunkel, v.a. wenn sie sich in Parterre oder interior, d.h. nach innen und mit Blick auf den Innenschacht, befinden. Der Schacht wird gerne zum Wäscheaufhängen oder zum lautstarken Kommunizieren der Spanierinnen aus dem 2. und 6. Stock genutzt.

 

 

 

 

 

 

Platzmangel macht erfinderisch:                                               Falls es drinnen mal zu eng oder zu warm wird:
Das Regal wird einfach an der Zimmerdecke befestigt.             Auf der luftigen Terrasse findet sich immer ein Plätzchen
Hier: ein ca. 5m² „großes“ Zimmer. Mietpreis: 200€ / Monat.

Sprache:

In Spanien gibt es vier offizielle Sprachen: Galizisch (gallego), Baskisch (euskera), Katalanisch (català) und Spanisch (castellano). Galizien, das Baskenland und Katalonien sind also zweisprachig, castellano spricht und versteht jeder. Akzente gibt es in Hülle und Fülle, wie auch in Deutschland.
Der am schwersten zu verstehende Akzent ist für mich der andalusische. Ich würde ihn schon fast als eigene Sprache bezeichnen.  ;)
Unser englischer Freund Tom, mit dem wir anfangs in BCN eine Wohnung teilten, ist voriges Jahr in die Nähe von Marbella gezogen. Als wir ihn letzten Sommer besuchten, bemerkten wir schon deutlich den andalusischen Einschlag in seiner spanischen Sprache, worüber er nicht unstolz zu sein schien. :-)
Der Spanier ist prinzipiell sehr redefreudig, deswegen muss man sich wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht so viele Gedanken machen. Spricht er halt mehr als du, auch kein Problem. Er wird sich niemals über dich lustig machen, weil du wieder mal alle möglichen Vergangenheitsformen komplett durcheinander würfelst oder den Artikel verwechselst. Der Apfel ist hier z.B. weiblich....
Also: nur keine Hemmungen und immer frisch gewagt. Der Spanier erkennt es hoch an, wenn du dein Bierchen auf Spanisch bestellen kannst und scheut sich auch nicht, dir deine Sprachkenntnisse lobend anzuerkennen (und seien sie auch noch so schlecht).
Die spanische Sprache kommt aus dem romanischen, daher versteht der Spanier mit etwas Augenzwinkern und Einfühlungsvermögen den Italiener, den Portugiesen und (vor allem der Katalane) den Franzosen.
Prinzipiell lässt sich sagen, dass der ältere Spanier eher der französischen Sprache und der jüngere Spanier eher der englischen Sprache mächtig ist.

 

 

 

 

 

 

Die spanische und die katalanische Flagge 
in friedlicher Eintracht nebeneinander....

                                                                                                                                                                                            
                                                                                                                            
                                                                                                                      Auch die Zeitungen sind  hier zweisprachig!!

Zweisprachigkeit in Katalonien hin und her: in BCN überwiegt eindeutig die katalanische Sprache. Straßenschilder, Zeitungen, Broschüren, Fahrpläne, Infoblätter u.s.w. werden in Katalanisch gedruckt, hier ist von Zweisprachigkeit wenig zu merken. Auf meiner Arbeitsstelle wird fast ausschließlich català gesprochen. Jede Versammlung, jedes Frühstücksgespräch, jedes Informationsblatt für Mitarbeiter und Familien ist in katalanischer Sprache verfasst.

An dieser Stelle muss und sollte ich natürlich kurz darauf hinweisen, das sich der Katalane nicht als Spanier sieht, sondern eben als stolzer Katalane, mit eigenem neuen Statut (aktuell!!), eigener Hymne, eigenen Sitten und Bräuchen und eben der eigenen Sprache.

Die katalanische Sprache ist so ein Zwischending aus Spanisch und Französisch und es ist wirklich eine eigene, von immerhin 10 Millionen Menschen gesprochene Sprache. Nun gut, das soll an Information reichen. Zurück zum Spanisch:
Ihr könnt euch also schon jetzt freuen dass, wenn ihr einmal richtig gut castellano sprecht, euch die französische, italienische oder portugiesische Sprache zu erlernen, nur ein müdes Lächeln kosten wird.  ;)    
Nach einer Studie werden übrigens im Jahre 2050 mehr Menschen Spanisch als Englisch sprechen. Wenn das keine tollen Aussichten sind!?  (Ob ich das noch erleben darf?)
Um aber hier in Spanien eine Arbeit zu finden, eine Wohnung zu mieten, einen Freundeskreis aufzubauen..., möchte man schon etwas mehr als nur „hola“ sagen können.
Womit ich zum nächsten Thema überleiten möchte:

Freizeit, Freunde, Kultur: (schade dass Kultur nicht auch mit „F“ anfängt)
Ach ja, und noch einige Tipps:

Tipp Nr.1:
Handy kaufen, bzw. eine in Spanien funktionierende Karte einsetzen.
Hier geht gar nichts ohne das Handy. Verabredungen, Wohnungsbesichtigungs- und Vorstellungsgesprächstermine klarmachen: alles läuft über das handliche Kleine!!

Die Anfangszeit in Spanien werdet ihr sicher, wie fast jeder Neuzugereiste, zum Großteil mit dem Erlernen der neuen Sprache verbringen. Sprachschulen gibt es hier wie Sand am Meer. Ich war z.B. in der mir empfohlenen escuela mediterráneo, die sich, wie der Name schon erahnen lässt, wirklich in der Nähe vom Mittelmeer befindet. Hier macht ihr einen Einstufungstest und dann geht’s auch schon los. Für einen dreimonatigen Kurs mit jeweils vier Wochenstunden zahlt ihr ca.160€ (plus Lehrbuch), was ihr aber nach dem Kurs bequem  verkaufen könnt.
Hier habt ihr auch gleich eine super Gelegenheit, nette und weniger nette Leute aus aller Welt kennen zu lernen und erste Freundschaften zu knüpfen. Ich bin immer noch mit ehemaligen Mitschülern aus z.B. Brasilien, England und natürlich Deutschland in Kontakt, mit einigen sogar freundschaftlich verbunden. Die meisten Sprachschulen bieten auch Unternehmungen, wie z.B. Ski fahren in den nahe gelegenen Pyrenäen, an. Auf diesen Fahrten lässt es sich prima näher kommen (hab ich mir erzählen lassen…).
Mit den Katalanen in Kontakt zu treten ist sicher etwas schwieriger, aber wenn ihr erst mal einen Job gefunden habt, steht auch dem nichts mehr im Wege. Ach ja, falls ihr gerne català lernen möchtet, könnt ihr das hier kostenlos tun. Das ist ein Service der Stadt für alle Ausländer und die Spanier, die nicht aus Katalonien kommen und somit diese Sprache nicht beherrschen.

 

 

 

 

 

 

Wir zwei abends auf der Piste mit Claudi, Sarah und Carlos.     Ein Essen bei Freunden auf der Terrasse.   

Ansonsten bietet Barcelona jede Menge Möglichkeiten die Freizeit zu gestalten. Sport, Meer, Fitness (ein Abo im Studio kostet ca. 45€ / Monat), Kino, Konzerte, Museen und Galerien (viele kostenlos), Clubs, Discotheken, Restaurants, Bars, Second Hand Shops, Mode...was immer du auch suchst, hier wirst du auf jeden Fall fündig. Die bergige Umgebung bietet sich hervorragend zum wandern und klettern an. 
Ein nicht zu unterschätzender Vorteil einer Multikultistadt, die BCN ja zweifelsohne ist.
Die Umgebung bietet jede Menge Schmäckerchen, wie z.B. die Costa Brava, Girona, Sitges, die Pyrenäen mit ihren kleinen Dörfchen. Auch Frankreich und Andorra laden zu einem Kurztrip ein. Zug- und Busfahren ist hier unheimlich preiswert, für schlappe 10€ bist du mitten in den Pyrenäen. Auch eine Fahrt mit dem Taxi zum Flughafen oder von der Party nach Hause kann man sich locker leisten, die Preise sind erheblich rentabler als in Deutschland. Und wenn ich schon mal dabei bin: einen café con leche zu bestellen macht hier wirklich Spaß, er kostet nämlich nur ca.1,20€ und schmeckt richtig gut!

Einen Mietwagen preiswert ausleihen? Kein Problem! Wie oft haben wir uns am Wochenende einfach einen Wagen genommen und sind „ins Grüne“ gefahren. Schaut unter www.pepecar.com nach, da bekommt ihr einen Smart schon ab 6€ / Tag.

Fahrrad fahren in BCN? Ist möglich, aber nicht sehr zu empfehlen. Zwar wirbt die Generalitat in BCN mit ganz tollen Hochglanzprospekten für eine fahrradfreundliche Stadt, was aber in meinen Augen eine Frechheit ist! Es gibt zwar einige wenige Fahrradwege, aber selbst die sind entweder immer wieder von großen Straßen unterbrochen oder von Menschenmassen okkupiert, sodass es keinen großen Spaß macht zu fahren. Wenn ihr aber in Schlängellinie zum Strand fahren möchtet...kein Problem.
Legt euch lieber ein kleines Mofa zu, ich überlege auch schon seit kurzem!!

Zum Telefonieren mit der Mutti geht man einfach zu einem freundlichen Pakistani seiner Wahl in ein sog. Locutorio. Ich habe eins gefunden wo der Inhaber sogar etwas Deutsch spricht, er hat eine Weile in Gelsenkirchen gelebt. Für eine Minute Gespräch aufs deutsche Festnetz zahlt ihr 10 Cent. Man kann sich aber auch eine Telefonkarte für 6€ kaufen und dann an jeder x-beliebigen Telefonzelle wohl bis zu 240min.telefonieren, was aber nicht immer hinhaut, außerdem ist es draußen oft sehr laut (und heiß), so dass ich meinen Pakistani vorziehe. Man sitzt hier in einer eigenen Kabine, die (mit etwas Glück) über eine Klimaanlage verfügt.

Internet lässt sich prima im Internetcafe für 1€/h oder noch besser, kostenlos in den Bibliotheken, von denen es hier unendlich viele gibt, nutzen.

Als Kreditinstitut eures Vertrauens würde ich die Deutsche Bank wählen. Sie hat in Spanien viele tausende Filialen und auch bei anderen Kreditinstituten kann man, wenn man bei der DB Kunde ist, Geld kostenfrei abheben. Einfach mal in Deutschland bei der DB nachfragen.

Medikamente sind hier in Spanien richtig schön billig. Die Pille z.B. kostet ab 3 € und Aspirin oder Pflasterchen sind auch nicht gerade teuer. Der Spanier geht meist erst zum Apotheker seines Vertrauens, der ersetzt oft den Arzt. Antibiotika kannst du hier rezeptfrei beim Pharmazeuten erstehen.

Kosmetik wiederum ist relativ teuer. Große Drogeriemärkte wie z.B. dm gibt es hier nicht. Zwar gibt es Schleckermärkte, aber die Preise liegen deutlich über dem gewohnten deutschen Niveau. Ich lasse mir immer meine Kosmetik vom Besuch aus Deutschland mitbringen. Das Brot übrigens auch, obwohl es jetzt seit kurzem bei LIDL verschiedene Brotbackmischungen für je 1€ gibt...Danke LIDL!!!
Trotzdem, über ein leckeres, frisch gebackenes, deutsches Schwarzbrot vom Bäcker geht doch trotz allem nichts!!

Ganz relaxt über die Rambla und durch die engen Gassen Barcelonas schlendern? Immer gerne, wenn es vor 10.00h ist, die Stadt fast noch schläft und von den Touristenmassen noch nicht eingenommen wurde.
 
Achtung Taschendiebe!!!
Niemals mit dem Portemonnaie in der Arschtasche oder dem locker über die Schulter gelegten Handtäschchen das Haus verlassen!
Danke!!

Ach ja, ich hätte noch eine Menge Tipps für Euch, aber mein Bericht ist schon jetzt viel zu lang geworden. Am Ende gebe ich Euch noch einige Buch- und Internetempfehlungen, dort könnt ihr alles (und noch viel mehr) bei Bedarf nachlesen.
Ach was, ich mach’s gleich, dieses Kapitel läuft doch auch unter „Tipps“, also hier gleich und sofort die Buch- und Internettipps:

-Das (!)  Buch für den, den Spanien berufs- oder studientechnisch interessiert :
„Arbeiten und Studieren in Spanien“( ca. 10€), ISBN:3930627086
Es zeigt dir, wie du an relevante Ansprechpartner, Adressen von Jobbörsen und Arbeitsvermittlungsagenturen rankommst, wie du einen perfekten Lebenslauf verfasst, welche spanischen Redewendungen im persönlichen Gespräch und am Telefon unverzichtbar sind, wie die häufigsten Fragen im Vorstellungsgespräch lauten könnten und gibt dir einen Einblick in das span. Hochschulsystem, informiert dich über Zugangsbedingungen, Finanzierungsmöglichkeiten, Austausch- und Bildungsprogramme und hält über 100 relevante Internetadressen für dich parat.
Sehr empfehlenswert!!!

-Das (!) Buch für jeden, der plant, sich in BCN niederzulassen:
„Leben in Barcelona“ (25€), ISBN: 3000136061
Hier findest du alle, aber wirklich auch alle Informationen, die man zum Leben und Überleben in BCN braucht.

-Die (!) Internetseiten für Auswanderer nach BCN: www.extraguide.de (gibt es auch in englischer Version) oder www.xbarcelona.com (auf deutsch, englisch und französisch)
Hier findest du Tipps, Tauschbörsen, Foren, Jobs, Wohnungen, Zimmer, Adressen, Links, konsularische Vertretungen, Schulen, deutsche Ärzte, eine Liste mit EURES-Beratern (kann für euch sehr nützlich sein!!), auch eine Preisvergleichsliste, die BCN mit anderen europäischen Großstädten vergleicht (Milch, Kaffee, Bananen, Bier, Tomaten.....)

Gewohnheiten der Spanier / kulturelle Unterschiede zu Deutschland:

Einiges von dem was den Spanier auszeichnet, konntet ihr ja schon meinen Ausführungen entnehmen. Trotzdem sind mir noch einige Besonderheiten eingefallen (ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit). Es sind halt nur eine Hand voll Dinge, die mir hier auffallen:

Begrüßt dich der Spanier mit „hola,?qué tal?“ (Hallo, wie geht’s?), der hiesigen üblichen Begrüßungsfloskel, antwortet man einfach nur mit „bien“. Erzähle niemals wie es dir wirklich geht, das will keiner hören. Das hat mich am Anfang mordsmäßig angenervt, mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt. Es erleichtert auch viel und lässt sich immer gut als ersten Eisbrecher einsetzen.

Trifft der Spanier dagegen auf einen Bekannten oder Nachbarn mit dem er gerade nicht reden möchte oder kann, aus zeitlichen oder sonstigen Gründen, greift er nicht zum „hola, qué tal?“, sondern verwendet einfach ein superpraktisches „hasta luego“ (bis später dann), oder gar „adios“, und keiner nimmt es ihm krumm. Praktisch, nicht?

Ach ja, was wäre Spanien ohne die obligatorischen zwei Begrüßungsküsschen zwischen Frau-Frau, oder Mann-Frau. Man gibt sich jeweils ein Küsschen auf jeweils eine Wange. Das macht man auch bei Personen, die einem nicht bekannt sind als Vorstellungsgeste. Dazu nuschelt man eben noch schnell seinen Namen und wie erfreut man doch sei, die jeweilige Person zu treffen. Manchmal frage ich mich, wie oft die Spanierin wohl so durchschnittlich pro Tag geküsst wird. 
Meine Chefin übrigens, begrüßte mich auch wie eben beschrieben und sagte dazu : „Hallo, wie geht’s, ich bin die Pepi und wer bist Du?“
Unter Männer bleibt es bei einem freundschaftlichen Schulterklopfen.

Der Spanier übersetzt jedes ihm fremde Wort gnadenlos in seine Sprache. So heißt z.B. fast food hier comida rapida (schnelles Essen halt), auch der hot dog wird hier schonungslos 1:1 übersetzt: perro caliente. Auch bei Personen wird keine Ausnahme gemacht: unsere Tennis-Steffi heißt hier Estefania, aus Karl Marx wird Carlos Marx, der englische Thronfolger William wird hier zu Guillermo und auch Ernie und Bert bleiben nicht verschont: hier sind sie unter Epi und Blas bekannt. Und, ganz klar, auch vor Städtenamen macht der Spanier kein Halt: Mainz z.B. wird hier mit Maguncia übersetzt. Man fragte mich doch tatsächlich, ob ich mich denn in meiner Heimat nicht auskenne, als ich bei der Stadt Maguncia passen musste. Anderes Beispiel gefällig? Aus Den Haag wird hier einfach mal La Haya. Kein Wunder, dass man meine spanischen Freundin Virginia in Holland nur mit großen Augen ansah, als sie ein Bahnticket von Amsterdam nach Den Haag kaufen wollte.
Eines noch: U2 heißen hier tatsächlich U dos und die deutsche Automarke BMW...... OK, das führt zu weit.

Apropos Virginia. Da sich der Spanier zu 95% zur römisch-katholischen Kirche bekennt, tauft er seine Kinder bevorzugt mit christlichen Namen, wie z.B. Maria Jesús (Variante für Sie), Jesús Maria (für Ihn), Purificación (die Reine), Immaculada (die Unbefleckte), Ángel (Engel) oder Cruz (Kreuz). Guruze ist übrigens der baskische Name für Kreuz.
Weiterhin besitzt der Spanier gleich zwei Nachnahmen. Der erste wird ihm vom Vater, der zweite von der Mutter mitgegeben, z.B. Maria Jesús Santana Gonzales.

Der Namenstag wird ganz groß gefeiert. Es wird gratuliert, geküsst, umarmt, einer draufgemacht, gefeiert... und das geht schon auf Arbeit los. Zum Frühstück gibt’s Wein und Bier und leckere Teigwaren.

Wundert euch nicht, wenn ihr überall ausschließlich mit Vornamen angeredet werdet. Ob beim Arzt, auf öffentlichen Behörden oder wo auch immer: der Vorname wird genannt. Ich find´s cool!

Wird man auf eine Hochzeit eingeladen, muss man sich wegen des Geschenkes keine Gedanken machen, man überweist einfach eine gewisse Summe (momentan liegt die bei ca. 150€ / Person) auf das Konto des Brautpaares und ab geht’s auf die fiesta.

Zu spät kommen macht nichts, bis zu einer halben Stunde sind locker drin. Im Gegenteil, kommst du pünktlich musst du Deutscher oder Engländer sein.

Anrufen bis 23.00h? Kein Problem in Spanien. Der Ibere bettet sein müdes Haupt selten vor 1.00h zum Schlafe.
Logisch das man hier blöd angeguckt wird wenn man abends einen Tisch vor 21.00h bestellen will. Man geht hier sehr spät essen. Generell muss man sagen, dass sich das ganze Leben hier um ca. zwei Stunden (im Vergleich zu Deutschland) nach hinten verschiebt. Dafür wird auch kaum vor 9.00h mit der Arbeit begonnen. Die siesta wird meist zwischen 14.-17.00h gehalten. Während dieser Zeit haben auch die meisten Geschäfte in der Stadt geschlossen. Dann wird allerdings nicht selten noch mal bis 21.00h (oder länger) durchgearbeitet.

 

 

 

 

 

 

 



Der langersehnte Anruf von Mutti.                                                                                                                                                      ..auch nachts bleibt es im Sommer noch warm

Treffen in der Wohnung? Nein! Der Spanier trifft sich draußen mit seinen Freunden: auf Plätzen oder in Bars. Die Wohnung bleibt seine Intimzone, wo der Mann auch mal oben ohne und die Frau auch mal ungeschminkt sein darf. Oder war das jetzt andersrum?
Betritt die Frau jedoch die Straße, gibt es kein Halten mehr: es wird gepudert, gefönt, geschminkt, gesprayt und lackiert. Da versteht die Spanierin jeden Alters keinen Spaß.
Zum Schluss wird dann immer stilvoll die Sonnenbrille als Assesoire ins Haar geschoben.

Sicherheitsgurt anlegen? Blinken beim Ausscheren und Überholen? Rücksichtsvolles und vorausschauendes Fahren? Sicherheitsabstand halten? All das sind Dinge die dem Spanier fremd sind. Der Stärkere und Schnellere scheint immer Recht und Vorfahrt zu haben. Autos kleben auf Autobahnen bei Höchstgeschwindigkeiten förmlich aneinander. Nicht umsonst schlägt ein verlängertes Wochenende wie z.B. Ostern, mit über 50 Verkehrstoten zu Buche.

Wenn einmal ausgegangen wird, beginnt man den Abend in einem Restaurant mit gutem Essen und Trinken, danach werden die Bars angesteuert und dann, wenn es schon fast wieder hell wird, dreht der Spanier noch mal so richtig auf und stürmt die Diskotheken und schwingt das Tanzbein bis zum Umfallen. Wehe, du erwähnst schon um 4.00h morgens, das du müde von der Woche bist, oder so...

Der Spanier liebt es über alles gut zu essen. Erzählt einer vom Wochenende oder vom Urlaub, kommt die Erzählung niemals ohne ein „hemos comido muy bien“ (wir haben sehr gut gegessen) aus. Das Essen selbst zieht sich meist über mehrere Stunden hin und besteht immer aus mindestens drei Gängen. Beendet wird das Essen mit dem (sich oft mehrere Stunden hinziehenden) sog. „sobremesa“, dem „nach-Tisch-Gespräch“ über Gott und die Welt.

Kinder schreien  und rennen überall herum, auch in öffentlichen Gebäuden. Niemand scheint es zu stören. Kinder sind immer und überall gerne gesehen. Bist du mit Kind am Strand und möchtest gerne mal für ein paar Minuten alleine in die kühlen Fluten tauchen: kein Problem, die Strandnachbarin kümmert sich gerne um den Kleinen.
  
Der Spanier redet laut und viel am Telefon, egal, wo er sich gerade befindet und sei es im Wartezimmer des Arztes. Lass dich nicht davon stören, mach’s einfach genauso.

Wenn in der U-Bahn ein Spanier über die deutsche Intimgrenze hinausschreitet und dir seinen Arm halb auf die Schulter legt (um nicht umzufallen), mach dir nichts draus: mit Nähe und Berührung geht er eben anders um.

Der Spanier hat sicher noch mehr liebens- und erwähnenswerte Gewohnheiten, die natürlich auch regional schwanken. Schließlich wird auch jeder von euch seine eigenen Erfahrungen sammeln. Freut euch darauf!!

Abschlussbemerkungen:

Jetzt bin ich tatsächlich am Ende meines Erfahrungsberichtes angelangt.
Mir hat es wirklich großen Spaß gemacht, euch einen Einblick in meine Wahlheimat Spanien / Katalonien zu geben. Hilfe, das Berichtchen ist doch umfangreicher geworden, als ich ursprünglich dachte.
Glaubt mir, ich hätte noch interessante, kuriose und lustige Begebenheiten zu bieten, die für weitere 50 Seiten reichen würden, aber schließlich wurde ich um einen Kurzbericht gebeten und nicht darum, ein ganzes Buch zu schreiben. Später vielleicht mal. Man weiß ja nie. Lust hätte ich große.
Mir gefällt es nach wie vor sehr gut hier, von dem diesjährigen, zu heißen Sommer (und anderer Kleinigkeiten) einmal abgesehen. Aber wir haben ja eine Klimaanlage in der Wohnung, die regelt das schon!!  :-)

Ob ich für immer hier bleiben möchte? Das kann ich momentan noch nicht sagen (schließlich sind wir ja auch zu zweit hier). Ich würde es aber auch nicht ausschließen wollen.

Bleibt für euch die Frage, in welche spanische Stadt ihr denn am besten gehen könntet. Das ist allein eure Entscheidung. Kommt ihr nun nach Spanien um einen Sprachkurs zu belegen, ein Auslandssemester (Erasmus) zu absolvieren, ein Praktikum (Leonardo da Vinci) zu machen,  einfach nur um zu jobben oder was auch immer: Es wird euch gut gefallen, da bin ich mir sicher.

Gut leben lässt es sich überall, es kommt halt auf euren Geschmack an und nicht jeder möchte unbedingt in einer Großstadt wohnen. Das war ja auch der Grund warum ich Anfangs in San Sebastián gelandet bin.
Madrid, Valencia (Vorsicht: auch hier gibt es 2 offizielle Sprachen), Pamplona, Sevilla, Granada, Cordoba, Salamanca und nicht zuletzt Donostia (so wie San Sebastián auf Baskisch genannt wird) oder Barcelona: alles sind Universitätsstädte mit Flair und Leben, jede halt auf ihre Art reizvoll, verschieden und interessant.
Wer allerdings Großstadtleben, Multikulti, Architektur, Kunst, Museen, Hafen, Mittelmeer, Strand, Palmen und vieles, vieles mehr sucht, kommt an Bar... na ja, ihr wisst schon.
 
Zum Schluss möchte ich aber auch nicht verschweigen, dass soviel Glanz auch seine Schattenseiten hat: Armut, Drogen, Diebstahl, Schmutz, Lautstärke, Smog, Menschenmassen,  illegale Einwanderung ... schaffen auch genug Probleme. BCN geht es da auch nicht anders als jeder beliebigen Großstadt.

 

 

 

 

 

 

In der U-Bahn kann es auch mal etwas enger werden...           ...auf der Straße auch (hier: Stadtviertelfest in Gràcia/BCN)

Zu guter Letzt habe ich noch einen wichtigen und wirklich allerletzten Tipp für euch. Vielleicht sollte ich ihn auch in das dafür vorgesehene Kapitel schieben, aber ich denke, als Abschlussbemerkung macht er sich ganz gut:

Wenn ihr euch in Spanien aufhaltet, hier lebt oder was auch immer:
Bitte vergleicht nicht permanent alles mit Deutschland! Das bringt nichts, außer vielleicht graue Haare.
Erfreut euch lieber an der kulturellen Verschiedenheit und lernt daraus.

Viel Glück!

Euer James R.